Verletzlichkeit

Mai

Vor wenigen Wochen verstarb Jean Vanier. In den 1960er Jahren gründete der Kanadier in Frankreich eine erste Wohn- und Lebensgemeinschaft mit Menschen mit Behinderung. Seither entwickelte sich aus diesen kleinen Anfängen nördlich von Paris eine weltweite Organisation. Unter dem Namen »L’arche« steht sie für Lebensgemeinschaften unter Menschen mit und ohne geistige Behinderungen.

Die Spiritualität Vaniers hat sich in diese Gemeinschaften gepflanzt. Sie stellt für alle Christinnen und Christen Herausforderung und Inspiration zugleich dar: Denn er nahm, und ich schreibe das mit meinen Worten, die Gotteskindschaft eines jeden Menschen spürbar und konsequent ernst. In jedem Menschen und in der gelingenden Beziehung untereinander ist der alles verändernde Gedanke der Liebe Gottes zu entdecken. Gemeinschaft, Ganzheitlichkeit und Inklusion spielten daher für Vanier bis zuletzt eine entscheidende Rolle.

Am bezeichnendsten für diese Haltung mag eine Frage Vaniers stehen, über die er immer wieder in Interviews nachdachte: Wie verlieren und verlernen Menschen Macht – aber vor allem ihren Hunger danach? Vielleicht ist sie, zusammen mit dem spirituellen und caritativen Wirken Vaniers, sein wichtigstes Erbe für die Zukunft der Kirche. Wie verlieren Vertreterinnen und Vertreter der Kirche, ob offiziell oder selbsternannt, den Anspruch sich über andere zu erheben? Ich denke, es beginnt mit einem ersten Schritt: Im Eingestehen der eigenen Verletzlichkeit.